Zwischen Fluten und Dürren – Kenya will sein Wasserproblem angehen

Das ostafrikanische Land hat derzeit mit verheerenden Regenfällen zu kämpfen. Doch eigentlich haben die Bürger Kenyas nicht genug Wasser zur Verfügung.

Der Bauer Stephen Macharia hat um seine Felder Rinnen gegraben und hohes Gras gepflanzt. In grossen Bassins sammelt er zudem Regenwasser für die Bewässerung während der Trockenzeit. Foto: Gioia Shah

Der Kohl von Stephen Macharia hat die flutartige Regenzeit überstanden. Entlang seiner Felder hat der Bauer Reihen von hohem Gras gepflanzt und Rinnen gegraben. Das hat das Wasser davon abgehalten, über seine Felder zu fliessen. Die Kohlköpfe seiner Nachbarn dagegen gehören zu den vielen Opfern der verheerenden Regenzeit. Sie sind massenhaft verrottet.

Wegen der heftigen Niederschläge in Kenya und in der gesamten Region Ostafrikas sind in den vergangenen Wochen Staudämme übergelaufen. Strassen und Häuser wurden zerstört, Strommaste niedergerissen und Dutzende Menschen getötet. Was sich in diesen Tagen kaum jemand vorstellen kann – Kenya gilt als wasserarm, weil das Land nicht gerüstet ist, Wasser ausreichend zu speichern, wenn es richtig lange und heftig regnet.

Experten warnen schon lange und fordern nun mit Dringlichkeit, dass Kenya seine Wasserwirtschaft verbessern sollte. Dafür gäbe es nebst teuren Massnahmen überraschend einfache Lösungen – wie auf Macharias Farm.

Der Wassermangel wird noch zunehmen

Kenya hat derzeit im Schnitt weniger als 600 Kubikmeter Wasser pro Person und Jahr für seine 54 Millionen Bürger zur Verfügung; gemäss Berechnungen der Uno müsste das Land der Bevölkerung mindestens 1000 Kubikmeter pro Person und Jahr zur Verfügung stellen können. Bis 2050, so Prognosen, wird sich die Bevölkerung im ostafrikanischen Land verdoppeln. Die Wirtschaftsleistung soll sich vervierfachen. Die verfügbare Menge Wasser pro Person würde sich bei diesem Szenario gemäss Schätzungen halbieren.

Das muss aber nicht sein. «Trotz all dieser urbanen Entwicklung, dem Bevölkerungswachstum und der Baunachfrage gibt es in Kenya reichlich Wasser», sagt Dominick de Waal, ein leitender Ökonom bei der Weltbank. Nur müssten die Infrastruktur und das Wissen entwickelt und gefördert werden. Und auch Winnie Khaemba, eine Expertin beim Institut Climate Analytics, erklärt: «Wassermangel ist in Kenya ein Managementproblem.»

Gemäss Studien werden in Kenya nur rund 15 Prozent der verfügbaren Wasserressourcen effizient genutzt. Die Weltbank kommt zu dem Schluss, dass Wasser in Kenya verfügbar wäre, aber nicht zugänglich ist. Viele Seen und Flüsse werden weder für die Bewässerung genutzt noch gestaut. So sind die meisten Bauern in Kenya vom Regen abhängig und können ihre Felder nicht anders bewässern. Zudem wird viel Wasser verschwendet. Rund 45 Prozent von Kenyas Wasserversorgung geht verloren, beispielsweise wegen alter Rohre.

Die Finanzierung ist das Problem

Kenyas Regierung hat bereits einige Schritte unternommen, um das Problem anzugehen. Eine neue Verfassung von 2010 gab den Countys mehr Macht, eigenständig Entscheidungen über ihre Wasserressourcen zu treffen. 2016 verabschiedete die Regierung zudem eine laut Experten starke neue Gesetzgebung zur Wasserversorgung. Etwa gibt es nun überall in Kenya Wassernutzverbände, deren Mitglieder Bürger und Unternehmen sind. Diese Verbände müssten Pläne für die Verwaltung ihrer Wasserressourcen entwickeln und die Nutzung des Wassers überwachen, so Winnie Khaemba.

Doch gute Gesetze und Pläne zu haben, ist das eine. Die Umsetzung von alledem das andere. Und Letzteres ist in der Regel ein Problem, zusammen mit der Finanzierung. Zunächst aber kann Kenya auf das bauen, was es schon hat. «Würden wir das schützen, was wir haben, dann könnten wir mit dem Wasserproblem im Land umgehen», sagt Umweltministerin Soipan Tuya.

Kenya hat fünf wichtige Hochlandregionen, in denen es viel regnet und in denen das Wasser in Flüssen und Bächen gesammelt wird und in tiefere Gebiete fliesst. Diese Regionen sorgen für rund 75 Prozent des Oberflächenwassers im Land. Dafür sind Bäume essenziell. Sie helfen der Erde, Wasser zu speichern.

Doch viele Bäume in diesen bewaldeten Hochlandregionen werden abgeholzt, um Platz für Landwirtschaft zu schaffen oder Holzkohle herzustellen. Zwar wurde die Abholzung in den vergangenen Jahren verlangsamt, dennoch sind nur noch sieben Prozent der Landoberfläche von Wäldern bedeckt. 1963, als Kenya unabhängig wurde, waren es noch zehn Prozent.

Dann kommt der Kohlbauer Macharia ins Spiel. Seine rund 0,6 Hektaren grosse Farm liegt im Einzugsgebiet einer dieser wichtigen Hochlandregionen. Der Bauer profitiert vom Upper Tana-Nairobi Water Fund, welchen die gemeinnützige Organisation The Nature Conservancy gegründet hat. Durch ihn können Projekte finanziert werden, mittels denen Bauern wie Macharia lernen, wie man unter anderem Rinnen gräbt, um Regenwasser aufzufangen. Ihm wurde zudem ein Wasserbecken gebaut, das rund 100 000 Liter Regenwasser speichern kann. Mithilfe einer elektrischen Pumpe kann er nun auch in Dürrezeiten seine Felder bewässern.

Eine effizientere Landwirtschaft ist ein wichtiger Teil der Lösung. Dazu kommt der Schutz der Hochlandregionen und der Bau von Wasserspeichern wie Wasserbecken. Und viertens könnte dem Wassermangel entgegengewirkt werden, wenn Kenya mehr grosse artifizielle Speicher baute, zum Beispiel Dämme. Derzeit können die grossen Dämme in Kenya etwa vier Kubikkilometer Wasser speichern, sagt de Waal von der Weltbank. Doch die Regierung glaubt, in den nächsten 15 Jahren zusätzliche 12 Kubikkilometer Speicherkapazität zu benötigen. Das Bauen von Dämmen ist aber sehr teuer.

Kenyas Regierung hat bereits versprochen, rund 100 neue Staudämme zu realisieren. Ein Megadamm soll auf dem Tana-Fluss, dem grössten Fluss Kenyas, entstehen. Der High-Grand-Falls-Staudamm, wie er genannt wird, soll rund 1,85 Milliarden Dollar kosten und wird etwa 162 000 Hektaren Land bewässern können. Finanziert und gebaut werden soll der Staudamm von der britischen Firma GBM Consortium Limited als Teil einer strategischen Partnerschaft zwischen Kenya und Grossbritannien. Es soll eines der grössten Infrastrukturvorhaben des Landes werden und bis 2032 abgeschlossen sein.

Veröffentlicht von der Neuen Züricher Zeitung.

Next
Next

Grief gives way to anger as Kenyan starvation cult leader faces trial