«Lauter als Politik und Waffen und Kugeln»: Die Künstler des Sudans leisten auch aus dem Exil Widerstand

Der seit einem Jahr im Sudan wütende Krieg hat Millionen von Menschen in die Flucht geschlagen und ein humanitäres Desaster ausgelöst. Auch viele Künstler, im Sudan traditionell aufmüpfig, mussten sich ins Ausland retten. In der kenyanischen Hauptstadt Nairobi definieren sie gerade die Rolle der sudanesischen Kunst neu.

Der sudanesische Künstler Galal Yousif hat all seine Werke in Khartum verloren. In Nairobi muss der politisch engagierte Flüchtling von vorn beginnen. (Gioia Shah)

Jeder Zentimeter in Galal Yousifs enger Wohnküche ist übersät mit Kunstwerken. Seine knallbunten Bilder mit langgezogenen Figuren, die er in den Monaten seit seiner Ankunft in der kenyanischen Hauptstadt Nairobi gemalt hat, zieren die Wände bis fast unter die Decke. Ein grosses Fenster bringt Licht in die kleine Wohnung. Der Künstler deutet auf das Fenster. «Als ich die Wohnung zum ersten Mal betrat und das grosse Fenster sah, dachte ich sofort an mein Studio zu Hause.»

Zu Hause, das ist für Yousif Khartum, die Hauptstadt des Sudans. Doch dahin kann er derzeit nicht zurück. «Ich habe alles verloren», sagt der 38-Jährige. Denn sein Zuhause steht im Epizentrum eines brutalen Krieges zwischen zwei sudanesischen Generälen, der nun seit einem Jahr wütet und bereits 8,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat. Etliche Kunstschaffende haben sich nach Kairo, Kampala, Doha und Dubai gerettet. Viele sind wie Yousif in die kenyanische Hauptstadt Nairobi gekommen, die mit ihrer Offenheit, den vielen Chancen und einer stetig wachsenden sudanesischen Gemeinschaft lockt.

Sudanesische Künstler haben entscheidenden Einfluss auf die turbulenten Entwicklungen in der jüngeren Geschichte des Sudans genommen, sie haben den Herrschenden den Spiegel vorgehalten und die Bedürfnisse der gewöhnlichen Menschen zum öffentlichen Thema gemacht. Nun hat sie der Krieg gezwungen, alles zurückzulassen. In der Diaspora müssen sie sich ein neues Leben aufbauen. Und es stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt ihre Kunst im Exil?

Kunst als Akt des Widerstands

«Die Kunst war schon immer das wichtigste Werkzeug des Widerstands für die Sudanesinnen und Sudanesen», erklärt Mahasin Ismail, eine sudanesische Kuratorin und Kunstforscherin. Nach der Unabhängigkeit von Grossbritannien 1956 gründeten prominente Künstler wie Kamala Ishag und Ibrahim El-Salahi in den sechziger Jahren die modernistische Kunstbewegung Khartoum School. In der Folge bildete sich eine einzigartige sudanesische Kunst heraus, die afrikanische und arabische Einflüsse fusionierte und erheblich zur Entwicklung der modernen afrikanischen Kunst beitrug.

Während eine lange Reihe von Militärputschen schliesslich in der dreissigjährigen Diktatur von Omar al-Bashir mündete, der die freie Meinungsäusserung unterdrückte, sei das künstlerische Schaffen «zum Akt der Rebellion» geworden, sagt Rahiem Shadad, ein sudanesischer Kurator und Galerist. «Die Künstler hatten das Gefühl, dass sie politisch waren, wenn sie irgendetwas anderes als Landschaften malten.» Mit ihrer Arbeit stellten sie Alltägliches infrage und ermutigten die Menschen, «die Gehirnwäsche durch die Regierung zu hinterfragen», erklärt er. Unter Bashir wurden etliche Künstler verhaftet; immer wieder setzten sie sich auch ins Exil ab.

Zum Sturz Bashirs beigetragen

Die unglaubliche Schlagkraft, die die Kunstszene haben kann, zeigte sich dann 2019. Als Zehntausende von Menschen mit einer Sitzblockade im Zentrum Khartums monatelang gegen den Langzeitherrscher Bashir demonstrierten, befeuerten Künstler die Proteste durch ihre Werke. Sie malten auf Hauswänden und unter Brücken, entlang von Strassen, auf den Schauplätzen der Revolution. Die Werke bildeten die Kulisse der Proteste und wurden zugleich zum Symbol der Bewegung. Fotos der Kunst wurden in den sozialen Netzwerken geteilt und gingen um die Welt.

Yousifs Werke wurden zu den bekanntesten: Eins zeigt zwei grosse Hände, die das Gesicht einer der für ihn typischen hageren Figuren zu verdecken versuchen. Genannt ist es «Du wurdest frei geboren, also sei frei». Als Sicherheitskräfte die Proteste nach Monaten brutal niedermachten, wollten sie auch die Kunst zum Schweigen bringen: Sie übermalten all die Werke mit weisser Farbe.

Die Euphorie über Bashirs Sturz und die Hoffnung auf einen neuen, demokratischen Sudan waren nur von kurzer Dauer. Nachdem die Übergangsregierung von den Streitkräften und der paramilitärischen Miliz Rapid Support Forces (RSF) gestürzt worden war, zettelten die Anführer ebendieser beiden Kräfte – General Abdelfatah Burhan, der Chef der sudanesischen Armee, und Mohammed Hamdan Daglo, genannt Hemeti, der Chef der RSF – an einem Samstagmorgen im Fastenmonat Ramadan 2023 den von der Bevölkerung so gefürchteten Bürgerkrieg an.

Die junge sudanesische Künstlerin Amani Azhari befand sich gerade in einem dreimonatigen Kunstaustausch in Kampala, als der Krieg ausbrach. Sie war in Sicherheit, doch plötzlich war sie allein, abgeschnitten von Familie und Heimatland. Nach verzweifelten Monaten in einem Hotel in Uganda sei sie schliesslich nach Nairobi gezogen, so erzählt sie, denn dort boten Kunstgalerien und -institute die Chance, Geld zu verdienen. «Ich bin die Einzige in meiner Familie, die es aus dem Sudan geschafft hat», sagt die 26-Jährige. Ihre Familie könne wegen des Krieges kein Geld verdienen. «Die ganze Verantwortung lastet auf meinen Schultern», sagt sie.

In einem grossen, spärlich möblierten Raum im noch nicht fertiggestellten achten Stock eines Wohnhauses malt Azhari ihre Werke auf Spanplatten: Es sind Bilder von sitzenden, mal melancholisch, mal bestimmt blickenden Frauen; sie sind Ausdruck der Herausforderungen, die die Frauen in der konservativen sudanesischen Gesellschaft erleben. «Ich versuche einfach, Kunst zu produzieren – so viel, wie ich nur kann.» Azhari ist auf sich allein gestellt, muss mit Galerien Möglichkeiten für Ausstellungen ausloten und Werke verkaufen. «Es ist eine Herausforderung», sagt sie.

Die Millionenstadt Nairobi bietet den Künstlern einen sicheren Hafen, eine liberalere Gesellschaft und im Vergleich zu anderen ostafrikanischen Städten viele Galerien. Doch in Kenya ein neues Leben aufzubauen, ist schwer. Aus ihrer einstigen Lebensrealität abrupt herausgerissen, müssen sich die sudanesischen Künstler an eine neue Umgebung und Kultur gewöhnen, mit Geldnot klarkommen und die Sprachbarriere überwinden.

Künstlerische Plattform in Nairobi

Ausserdem seien etliche Künstler wegen ihrer Erfahrungen im Krieg und auf der Flucht traumatisiert, sagt Rahiem Shadad, der selbst eine Galerie in Khartum an den Krieg verloren hat. Viele von ihnen hätten Monate gebraucht, um wieder kreativ arbeiten zu können, fügt Azza Satti hinzu, eine lange in Nairobi lebende sudanesische Kulturproduzentin.

Daher sammelten Shadad und Satti Spenden, mit denen sie 45 sudanesische Künstler unterstützten. Später gründeten sie in Nairobi einen Ort, an dem sich die Künstler zusammenfinden und austauschen können, wo sie Sprachunterricht nehmen können und an dem Veranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen und Filmvorstellungen stattfinden. «Hier können sich die Künstler wohlfühlen, damit sie mit ihrer Arbeit weitermachen können», sagt Satti.

Die Künstler sehen ihre Kunst in einer klaren Rolle. «All meine Arbeit handelt davon, was dort drüben stattfindet», sagt Yousif über den Krieg im Sudan. «Ich kenne den Wert meiner Arbeit, und ich weiss, wie sie helfen wird, wie ich meine Plattform nutzen kann, um Aufmerksamkeit zu schaffen.» Im Exil, in dem Künstler ein neues, internationales Publikum ansprechen, nimmt der Widerstand der sudanesischen Kunst eine neue Form an: Er wird zum Scheinwerfer, um den Horror des Krieges zu beleuchten. Kunst «hat eine lautere Stimme als Politik und Waffen und Kugeln», ist Yousif überzeugt.

Viele der Kunstschaffenden im Exil bezweifeln, dass sie jemals in ihr Heimatland zurückkehren werden. Trotz den Herausforderungen durch ihr neues Leben im Exil sagt die Künstlerin Azhari: «Ich bin freier, ich kann mich klarer ausdrücken.» Doch wohin sie das Leben noch verschlagen wird, weiss sie nicht. Auch für die Kuratorin Mahasin Ismail, die aus Khartum geflohen ist und derzeit in der Kunstgalerie Circle Art in Nairobi ein Praktikum absolviert, ist der Blick in die Zukunft von Unsicherheit geprägt. «Werden wir im Sudan je Frieden haben? Ich weiss es nicht», sagt die 23-Jährige.

Galal Yousif hingegen ist sich sicher: «Egal, welche Seite gewinnt, ich werde nicht zurückkehren», sagt der Künstler, während er aus seinem grossen Fenster blickt. Er wäre seines Lebens nicht sicher in einem von der Armee oder der RSF-Miliz regierten Sudan. Zu oft, zu öffentlich hat er die Kriegstreiber kritisiert. Gleiches gelte für viele seiner sudanesischen Künstlerkollegen. Yousif hofft aber, dass im Sudan eine neue Generation von Kunstschaffenden heranwachsen wird. Eine Generation, die auf ihre Art mit Kunst Widerstand leisten wird.

Veröffentlicht durch die Neue Züricher Zeitung.

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