Von der Sklaverei befreit, ihrer Kultur beraubt
Ihre Vorfahren wurden erst versklavt, dann befreit und auf einem Stück Land nahe der kenianischen Hafenstadt Mombasa angesiedelt: Heute kämpfen die Bewohner von Frere Town dafür, dass ihre Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
»All das haben sie mit ihren bloßen Händen gebaut.« Matano Mwambila blickt mit Stolz und Wehmut zugleich auf die Kirche. Er blinzelt, denn das imposante Gebäude mit seiner cremefarbenen Fassade blendet im grellen Sonnenlicht. Die Materialien hätten sie aus dem Meer genommen, sagt er: Blöcke, herausgeschnitten aus Korallen des Indischen Ozeans.
Der 57-jährige Lehrer geht gemessenen Schrittes durch den Säulengang, der sich außen entlang der Kirche erstreckt, als wolle er die zerbrechliche Geschichte nicht erschüttern. Für ihn ist die Sankt Emmanuel Kirche in der kenianischen Küstenmetropole Mombasa ein »Archiv«, ein »Schrein« für seine Gemeinde. »Dies ist das einzige Gebäude, das uns vereint.«
Mwambilas Vorfahren waren unter jenen, die die Kirche vor fast 150 Jahren erbauten. Sie alle waren befreite Sklaven. Das Gotteshaus sollte damals Zentrum einer neuen Gemeinschaft ehemals Versklavter werden. Man nannte den Ort Frere Town, über mehrere Generationen hinweg lebten hier die Nachkommen von Menschen, die einst dem Menschenhandel entkamen. Doch heute, im Kenia des 21. Jahrhunderts, droht die Gemeinde ihre Kirche, ihr Land und ihre Geschichte zu verlieren – und somit ihre Identität.
Die Wurzeln von Mwambilas Familie liegen in Malawi; so viel weiß er über seine Herkunft. »Dort, wo Livingstone gestorben ist«, sagt er, der berühmte britische Missionar und Afrikaforscher. Aus Erzählungen seiner Eltern und Großeltern weiß er auch, dass einer seiner Vorfahren versklavt und auf ein Schiff gebracht wurde. Man wollte ihn über den Indischen Ozean in Richtung Osten transportieren. »Er wurde vom Schiff gerettet.« Die Retter waren die Briten.
Ab dem 16. Jahrhundert wurde ein Gebiet entlang der Ostküste Afrikas, darunter die Inselgruppe von Sansibar, vom Sultanat Oman kontrolliert, einer Seemacht. Die Omaner intensivierten den Anbau von Datteln sowie Nelken, Sesam und Getreide, die Produkte exportierten sie. Auf den Plantagen arbeiteten immer mehr Versklavte – und mit dem wachsenden Geschäft wuchs auch der Sklavenhandel.
Sklavenhändler nahmen Menschen im heutigen Kenia, Tansania, Malawi sowie im südlichen Afrika gefangen und transportierten sie über Karawanenrouten an die Küste. Auf der Insel Sansibar entstand ein boomender, internationaler Sklavenmarkt, von wo aus Menschen in die arabische Welt und nach Asien verschifft wurden. Schätzungen zum Ausmaß des Handels variieren stark, von mehreren Hunderttausend bis hin zu einigen Millionen Afrikanern. Viele Verschleppte blieben auch in Ostafrika. Auf dem Höhepunkt der Plantagensklaverei im späten 19. Jahrhundert waren rund 44 Prozent der Bevölkerung an Kenias Küste Versklavte, so der Historiker Herman Kiriama.
Als das British Empire im Laufe des 19. Jahrhunderts seine Kolonialherrschaft in Afrika ausbaute, versuchte es, den Sklavenhandel in Ostafrika zu unterbinden. London stand unter Druck von Missionaren und Sklavereigegnern, witterte aber auch die Chance, die wirtschaftliche und politische Macht des Sultanats zu unterbinden. 1873 drängte Großbritannien deshalb Sultan Barghasch von Sansibar zu einem Vertrag, der den Seehandel mit Sklaven untersagte.
Privilegiertes Leben für einst Versklavte
Damit verpflichtete sich der Sultan auch dazu, »alle befreiten Sklaven nach besten Kräften zu beschützen«. Der britische Vermittler war ein ehemaliger Gouverneur von Bombay, dem heutigen Mumbai in Indien; ein langjähriger Freund von David Livingstone und ein großer Gegner der Sklaverei: Sir Henry Bartle Frere.
Britische Navyschiffe patrouillierten nun vor der Küste Ostafrikas. Erspähten sie Sklavenschiffe, wurden diese beschlagnahmt, die Sklavenhändler festgenommen und die Sklaven befreit. Doch wohin mit den Menschen? Zunächst wurden viele nach Bombay in eine Missionsstation gebracht. Doch Frere habe argumentiert, dass es besser wäre, sie näher an ihrer Heimat zu belassen, sagt Historiker Kiriama.
So gründete die britische Church Mission Society 1874 nahe der Hafenstadt Mombasa eine Siedlung für befreite Sklavinnen und Sklaven. Man gab ihr den Namen Frere Town, um den Mann zu ehren, dem die Siedlung maßgeblich zu verdanken war. Die ersten Einwohner waren 280 ehemals Versklavte, darunter 100 Kinder.
Unter der britischen Herrschaft in Ostafrika genossen die Bewohner von Frere Town über mehrere Generationen hinweg ein vergleichsweise privilegiertes Leben. »Die Regierung hat sich um uns gekümmert«, erinnert sich Frederick Uledi, ein Bewohner von Frere Town. Er wurde 1932 geboren. Damals hatte die Siedlung fließendes Wasser und Strom, die Straßen waren sauber. Die Einwohnerinnen und Einwohner erhielten finanzielle Unterstützung, es gab Schulen und Berufsausbildungen.
Doch es gab auch problematische Seiten. Die britischen Missionare, die die Siedlung leiteten, wollten die Bewohnerinnen und Bewohner zu guten Christen und Untertanen der Krone erziehen. »Ihnen wurde beigebracht, britisch zu sein«, sagt Historiker Kiriama: englische Sprache, britische Verhaltensweisen, anglikanischer Glaube. »Das Ziel war es, sie zu ›zivilisieren‹«. Für die Befreiung und das relativ komfortable Leben mussten die ehemaligen Sklaven ihre Kulturen und Sprachen aufgeben.
Uledi sitzt auf einem Plastikstuhl auf seiner Veranda, hält in einer Hand einen Gehstock und in der anderen seinen Ausweis aus der britischen Kolonialzeit. Neben einem sepiafarbenen Foto eines jungen, ernst blickenden Frederick steht »Mnyamwezi«. So nennt man die Mitglieder bantusprachiger Gruppen in Tansania, woher Uledi stammt. Damals, unter britischer Herrschaft, spielte seine Herkunft kaum eine Rolle. »Das änderte sich, als Kenia unabhängig wurde.«
1963 befreite sich Kenia von der Kolonialherrschaft. Während es für das Land Freiheit bedeutete, war es für die Bewohner von Frere Town der Startschuss für einen langen Kampf um ihre Rechte. Die neue Regierung entzog Frere Town nun die Eigenverwaltung und gliederte die Siedlung in die umliegende Ortschaft ein. Die Bewohner aber verloren damit weit mehr als ihre Unabhängigkeit.
Durch die Sklaverei waren sie von ihrer Vergangenheit abgeschnitten worden, durch die Christianisierung von ihrer Kultur. Nur ihre Siedlung bot den Menschen von Frere Town Zugehörigkeit und Identität. Doch im unabhängigen Kenia, in dem die Volksgruppen eine entscheidende Rolle spielen, wurde das nicht anerkannt. »Es gibt keinen Stamm, der Frere Town heißt«, sagt der Lehrer Mwambila. »Also bekamen wir keine Personalausweise.« Ohne diese aber gibt es keinen Zugang zu staatlichen Leistungen wie Schulexamen und Gesundheitsversorgung.
Erinnerungen schwinden, das schmerzt
So mussten sich die »Freretownians«, heute einige Tausend, anpassen: Manche heirateten Mitglieder lokaler Volksgruppen, andere logen und gaben bei der Registrierung eine lokale Ethnie an. Heute hätten zwar fast alle »Nachkommen« – wie Mwambila die Nachfahren der ursprünglich angesiedelten Ex-Sklaven nennt – einen Ausweis. Aber von Generation zu Generation verblasst die besondere Identität der Gemeinde. »Unsere Sorge ist, dass unsere Kultur vergessen wird«, sagt Mwambila.
Der Lehrer ist Vorsitzender der Frere Town Descendants Community Association, des Zusammenschlusses der Gemeinschaft der Nachkommen. Er setzt sich für die offizielle Anerkennung der Freretownians als ethnische Gruppe ein. Dass dies nicht schon längst geschehen ist, liegt aus Sicht der Lokalverwaltung an der Gemeinde selbst. »Die ›Nachfahren‹ waren sich uneins, wie sie den Stamm nennen wollen«, sagt Angela Tito, als stellvertretende Landkreis-Beauftragte zuständig für Frere Town. Die Lokalverwaltung habe Gespräche angeboten, um eine Lösung zu finden – diese liefen noch.
Auch gibt es Streit über Land. Ursprünglich auf rund 1000 Acre (etwa 400 Hektar) angesiedelt, zog die Siedlung noch zu Zeiten der Briten auf ein deutlich kleineres, rund 50 Acre großes Stück Land um. Jede Familie habe ein Grundstück erhalten, erklärt Mwambila. Doch der Gemeindevorsitzende und seine Kollegen werfen der Lokalverwaltung vor, ihnen das Land wegnehmen zu wollen. Mwambila spricht von »Manipulation«, Nachfragen kann er aber nicht konkret beantworten.
Vielleicht bricht sich da aber auch ein Schmerz über eine Entwicklung Bahn, an der niemand Schuld trägt und die auch keiner aufhalten kann. Über die Jahre und Jahrzehnte haben einige »Nachkommen« ihr Grundstück in Frere Town verkauft, andere sind weggezogen. Menschen aus anderen Stämmen und Gemeinden sind in die Siedlung gezogen. Wer ein richtiger Freretownian ist und wer nicht, gerät immer mehr in Vergessenheit.
Diese Entwicklung bedroht auch die 1889 erbaute Sankt Emmanuel Kirche. Einst lag die Kirchenverwaltung ausschließlich in den Händen der Frere-Town-Gemeinde. Doch die Kirche zog zunehmend Menschen von außerhalb an. Es gab einen Streit mit der Anglikanischen Kirche Kenias. Nun bestimmen nicht mehr nur Freretownians über die Geschicke der Pfarrei. Pastor Francis Kesi verteidigt diese Veränderung. »Eine Kirche ist ein Zentrum für jede Gemeinde, nicht nur für eine einzige«, sagt er.
Doch für die Freretownians ist die Kirchengemeinde eine Art Symbol, das weit über die Kirchenpolitik hinaus reicht. »Die Kirche ist das Rückgrat der Nachkommen von Frere Town«, erklärt Mwambila. Die Gemeinschaft hat nur wenige Orte, die überhaupt an die Vergangenheit der Siedlung erinnern. Neben der Kirche gibt es noch einen heruntergekommenen Friedhof und einen Glockenturm, der Gemeindemitglieder einst vor Sklaven-Raubzügen warnte. Sie sind identitätsstiftend. »Diese Orte sind nicht wegen ihrer Körperlichkeit wichtig, sondern wegen dem, was sie verkörpern, und die Erinnerungen, die sie enthalten«, schreibt Historiker Kiriama.
Gehen die Erinnerungen verloren, ist das schmerzhaft. Die Verluste werfen für manche Bewohner von Frere Town Fragen nach ihren Wurzeln auf, danach, woher sie »eigentlich« kommen. Gibt es vielleicht doch irgendwo in Malawi, in Tansania, eine Familie, ein Stamm, der sie willkommen heißen würde? Der 57-jährige Lehrer Mwambila hat durch Recherchen im Internet eine Familie gleichen Namens in Malawi aufgespürt. Er plant eine Reise dorthin. »Wir wollen hinfahren, um zu sehen, wo meine Vorfahren herkamen, und Geschichten über diesen Ort zu hören«. Ohne diesen Besuch sei seine Identität nicht vollständig.
Doch wo sein Zuhause ist, das ist für Mwambila keine Frage. »Es ist Frere Town. Wo soll ich sonst hin?«